Leseprobe
Prolog

Die kühle Luft des zu Ende gehenden Sommertages. Die Dämmerung ist angebrochen. Jeden Schatten ausnutzen. Wohin?

Der Wald. Hier ist es noch dunkler. Überall Nebel. Die Schmerzen sind fast unerträglich. Das blutige Hemd klebt am Körper. Weiter! Immer Weiter!

Auf einmal ein Geräusch. Der schnelle Blick nach hinten. Die Verfolger. Männer. Hunde. Sie haben bereits eine Fährte aufgenommen. Weiterlaufen! So schnell du kannst. Immer weiterlaufen! Die Lunge meldet sich mit Stichen. Egal, weiterlaufen!

Da ist der Fluss. Dahinter die Straße. Rettung. Freiheit. Immer weiter! Immer weiter! Nicht stehen bleiben!

Die Straße ist erreicht. Dann plötzlich der Schock. Die Verfolger sind direkt hinter dir. Weiter! Auf der Straße laufen. Das Blut rauscht in den Ohren. Das Herz pumpt wie verrückt. Die Lunge ist am Limit.

Dann das Licht. Dieses schnelle Licht. Der kurze Schmerz. Der Blick in die Sterne. Keine Wolke am Himmel. Sie rufen dich. Der Friede ist da.

Ich komme. Ich gehe nach Hause.



Kapitel 1
Hamburg, 16 Jahre später

Sandra schlängelte sich ungeduldig durch den Berufsverkehr. Es war mal wieder unmöglich aus Hamburg herauszukommen und dabei die Nerven zu behalten.

Außerdem war es unverschämt heiß heute. Viel zu heiß für einen Umzug. Warum hatten sie nicht letztes Wochenende umziehen können? Da war es wesentlich kühler gewesen.

Aber jetzt waren sie mit dem Gröbsten durch. Sie hatte die Schlüssel zu ihrer alten Wohnung abgegeben und ihrem schmierigen Vermieter Lebewohl gesagt.

Sieben Jahre hatte sie in Hamburg in ihrer kleinen Wohnung gelebt. Zu ihrer Studentenzeit, oder auch Sturm-und-Drang-Zeit, wie sie es gerne nannte, hatte sie sich nichts Schöneres vorstellen können. Aber jetzt war sie verheiratet und hatte eine kleine Tochter. Ein komplett anderes Leben.

Und das passte einfach nicht in eine kleine Wohnung in der Großstadt. Für sie gehörte so etwas aufs Land, genauer gesagt nach Seesby, einem kleinen Dorf mit knapp zweihundert Einwohnern. Dort hatten sie und Marvin sich ein schönes Häuschen mit Garten gekauft. Für Sandra war es immer schon ein Traum gewesen, auf dem Land zu leben. Jetzt hatte er sich endlich erfüllt.

In Seesby würde es keinen neunmalklugen und dennoch unfähigen Vermieter geben. Hier hatten sie ihr eigenes Haus und mussten sich auch nicht mit nervigen Nachbarn herumschlagen, die nur eine Wand entfernt wohnten oder hausten. Der Lebensabschnitt mit Kautionszahlungen und Mieterhöhungen war vorbei.

Sie atmete tief durch und überlegte, ob die Wolken in der Ferne sich wohl noch für ein abkühlendes Gewitter eignen würden. Was würde sie jetzt für einen erfrischenden Regenguss geben …! Ihr Hemd klebte am Rücken. Das nächste Auto würde definitiv eine Klimaanlage haben.

Jede Ampel schien heute gegen sie zu sein. Aber dann kam schließlich doch die langersehnte Auffahrt zur Autobahn und sie genoss den warmen Wind, der durch das offene Fenster wehte. Was gab es Wohltuenderes als eine weite, freie Fahrbahn und den Gedanken an ihr gemütliches neues Zuhause, das sie anzog wie ein Magnet...

Sie fuhr an einer Raststätte vorbei und überlegte, ob sie kurz anhalten und auf Toilette gehen sollte. Was zum Trinken könnte sie auch gut haben, aber dann sah sie am Straßenrand ein Schild: Rugstedt 38 km. Das würde sie noch schaffen, dachte sie. Rugstedt war der etwas größere Nachbarort von Seesby.

In Seesby gab es nur eine Kirche mit Gemeindehaus, eine Bushaltestelle und einen kleinen Tante-Emma-Laden, der allerdings auch sonntags geöffnet hatte, wie der Makler ihnen damals erzählt hatte. Rugstedt dagegen hatte schon einiges mehr. Hier gab es ein Einkaufszentrum mit allerlei Läden.

Für Sandra und Marvin war außerdem wichtig, dass es hier einen Kindergarten und eine Schule gab, die beide einen sehr guten Ruf hatten. Von Seesby nach Rugstedt waren es circa vier Kilometer und ein Schulbus fuhr in Seesby fast bis vor die Haustür.

Für Sandra war das alles schon ein bisschen zu perfekt und oft dachte sie, dass ein einziger Mensch gar nicht so viel Glück haben konnte, weil es anderen gegenüber unfair war.

Die Ausfahrt nach Rugstedt kam. Sandra ordnete sich rechts ein und war auf einmal aufgeregt wie ein kleines Kind. Jetzt ging es endlich nach Hause!

Sie durchquerte Rugstedt und bog dann auf die kleine, kurvige Straße in Richtung Seesby ab. Hier gab es nicht mal mehr einen Mittelstreifen. Die komplette Einöde, abgesehen von ein paar vereinzelten Höfen. Aber das war genau das, was sie wollte. Ab hier herrschten Ruhe und Frieden – so kam es einem zumindest vor. Der Großstadtlärm war weit hinter ihr geblieben.

Sie überfuhr noch zwei weitere Hügel und dann sah sie das Ortsschild Seesby. „Ich bin da!“, sagte sie und warf sich selbst im Rückspiegel ein strahlendes Lächeln zu. Sandra fuhr über die Weeder, einen etwa drei Meter breiter Fluss, der sich durch den Wald und die Hügel der Gegend schlängelte. Sie atmete tief durch und fühlte sich mit einem Mal frei – so etwas hatte sie in der Großstadt nie gespürt.

Seesby bestand hauptsächlich aus alten Bauernhöfen, von denen allerdings nicht mehr viele in Betrieb waren. Mittlerweile waren einige der alten Stallungen zu Ferienwohnungen umgebaut worden oder sie wurden als Stellplätze für Wohnwagen und Segelboote vermietet. Von außen waren sie trotzdem alle noch im alten Stil erhalten und wirkten sehr gepflegt.

Neben den Bauernhöfen gab es hier noch einige Einfamilienhäuser, die aus dem vorherigen Jahrhundert stammten oder teilweise noch älter waren.

Sandra hatte sich sofort in diese Idylle verguckt, als sie das erste Mal hier gewesen waren. Hier schien die Welt noch in Ordnung zu sein.



Kapitel 2

Marvin war bereits vorgefahren, um die Arbeit des Umzugsunternehmens im neuen Haus zu koordinieren. Es lief ziemlich reibungslos und sie waren schnell fertig. Schließlich war der Möbelwagen leer und abfahrbereit.

Er ging mit den Möbelpackern nach draußen. Die Luft roch warm und trocken. Kein Wetter, um schwere Schränke zu schleppen. Er war durch und durch nass und freute sich auf eine Dusche.

Die Männer vom Umzugsdienst setzten sich in den Schatten und rauchten Zigaretten, während Marvin nach Sandra Ausschau hielt. Eigentlich müsste sie bald kommen. Hoffentlich war alles glatt gegangen und der Vermieter hatte nicht zu viel zu beanstanden gehabt.

Er schlenderte über den Hofplatz und sah sich um.

Anders als die meisten Häuser in Seesby, stand ihres nicht direkt an der Straße. Es wurde durch eine schmale Birkenallee ein Stück zurückversetzt und lag auf einem kleinen Hügel.

Es war mit rotem Backstein gemauert und hatte große, braune Sprossenfenster. Zur schweren Eingangstür aus Eiche mit allerlei Schnitzereien führte eine breite Steintreppe, die auf der ersten Stufe von zwei Säulen mit Löwenköpfen eingegrenzt wurde. Das Motiv fand sich auch über der Tür in Stein gemeißelt wieder und bildete den Anfang des Giebels über dem Eingang. An der Südwestseite des Hauses erstreckte sich ein etwas höher liegender Erker, der rundherum mit Fenstern bestückt war und eine herrliche Aussicht erlaubte. Sein Dach war wie ein alter Hexenhut geformt und verlieh dem Ganzen etwas Mystisches.

Der alte Schuppen rechts neben dem Haus hatte früher als Schmiede gedient. Mit der Zeit waren Feuerstelle und Amboss aber entfernt und durch einfache Gartengeräte und eine kleine Werkbank ersetzt worden. Marvin hatte überlegt, den Schuppen noch weiter umzubauen und eine Garage für zwei Autos einzurichten.

Auf der Straße kam ein Wagen, aber Marvin erkannte schon von weitem, dass es nicht Sandra war. Knatternd fuhr das Auto an der Zufahrt vorbei.

Es war das erste Fahrzeug, das Marvin heute hier sah. Allerdings war er die meiste Zeit mit Ausladen und Tragen beschäftigt gewesen, aber er vermutete, dass es hier auch sonst wohl nicht mehr Verkehr gab. Das komplette Gegenteil zu ihrem vorherigen Leben – wahrscheinlich musste man sich erst mal daran gewöhnen.

Dann entdeckte er auf der Hauptstraße endlich einen kleinen weißen Nissan Micra. Der bog schließlich in die kleine Birkenallee ein, über die er dann hoppelnd zum Haus fuhr.

Direkt neben dem Umzugslaster hielt der Wagen an und eine kleine, zierliche Frau mit braunen, schulterlangen Haaren stieg aus. Sie sah sich um und der leichte Wind spielte mit ihren Locken. Ihr Gesicht erstrahlte, als sie Marvin erblickte.

Marvin lächelte zurück. Es war faszinierend, dass er trotz der langen Zeit, die sie nun schon zusammen waren, immer noch dieses warme Gefühl in seinem Inneren hatte, wenn er sie sah. Ohne Sandra war er nicht mehr komplett.

Sandra ging lächelnd auf den Mann mit den warmen braunen Augen und dem Dreitagebart zu. Seine dunklen Haare fielen ihm in die Stirn. Er sah zufrieden und glücklich aus – genau so, wie sie sich fühlte.

„Da bist du ja endlich“, sagte er. „Hat alles geklappt?“

Sandra atmete einmal tief durch und ergriff seine Hände, die er ihr entgegen streckte. „Ja. Alles erledigt. Das Kapitel Mietwohnung ist abgeschlossen.“

„Na, dann“, sagte Marvin und verzog seinen Mund zu einem spitzbübischen Lächeln, „darf ich bitten?“ Er hielt ihr seinen rechten Arm hin, damit sie sich einhaken konnte.

Sandra lächelte. „Nur zu gerne!“

Gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf.